Politik der Emotion

Bildung, Kultur und Medien
Europa und Internationales
Innen- und Kommunalpolitik
Wednesday,
24
.10.
2018
 
Wien
BSA Döbling
BSA Rudolfsheim-Fünfhaus
Bundesfachgruppe Medienberufe im BSA
Gesellschaft für Geistes- und Sozialwissenschaften

Ob Politik, die Fakten diskutiert und nicht Stimmungen instrumentalisiert, sowohl Gefühle als auch Vernunft braucht und Emotionen die Politik bestimmen oder umgekehrt, diskutierten Physikerin Olga Flor, Autorin des Buches „Politik der Emotion“, Politologe Andreas Holzer, Senior Researcher bei SORA und Lehrender im Rahmen von soQua plus „Emotionen in Politik und Kampagnen“, Politologin Sieglinde Rosenberger, geschäftsführende Leiterin des Instituts für Politikwissenschaften an der Universität Wien, sowie Kabarettist Florian Scheuba, Kolumnist bei der Tageszeitung „Der Standard“.

Im Essay „Die Lüge in der Politik“ in „Wahrheit und Lüge in der Politik“ schrieb Hannah Arendt: „Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht.“

Olga Flor ging unter anderem darauf ein, wie Rationalität diskreditiert wurde und Emotionalität herhalten und positiv konnotiert wird. Das Zulassen von Gefühlen bedeutet allerdings nicht, diese Gefühle auch das Handeln bestimmen zu lassen. Sie sprach an, was in der politischen Arena gefühlt wird, ob PolitikerInnen in ihrem Handeln mit einem vermuteten Mehrheitsgefühl übereinstimmen wollen. Von Populisten werden offensichtlich Gefühle der hässlichsten Art bedient, verführerisch klingt die Einladung zur Verleugnung, zur Abgrenzung, zur Verdrängung, zum Hass. Notwendig scheint es zu sein, die Zivilgesellschaft loszuwerden, um Frustration besser zu kanalisieren. Die Schriftstellerin richtete auch ein Appell, was angesichts der für das Bestehen des liberalen Demokratiemodells bedrohlichen Entwicklungen konkret zu tun. Anstelle der Einfachheit halber der Biedermeierei zu frönen, muss Demokratie gewollt, geübt und ausgeübt werden, damit diese funktioniert. Demokratie bedeutet aber nicht, die Durchsetzung einer Mehrheitsmeinung gegen eine Minderheit. Vielmehr muss der demokratische Diskurs gesucht werden, unbequeme Debatten müssen geführt werden und unliebsame Themen dürfen nicht ausgeklammert werden. Man muss die demokratischen Institutionen und Prozesse im Sinne von Frieden und Freiheit stärken, gleichsam muss man politische Maßnahmen der Inklusion sowie realen, offenen Raum für gemeinsame Diskussionen, politische Auseinandersetzungen einfordern und vor allem aber auch nutzen.

Sieglinde Rosenberger analysierte den offensichtlichen Druck, unter dem Sozialstaaten westeuropäischer Prägung stehen, sowie die Angst vieler Menschen davor, Privilegien zu verlieren, wodurch diese leicht ansprechbar sind. Als Gegenmittel zur Angst wird mit Neid politisch operiert, dementsprechend scheint nichts einfacher, um Stimmen von WählerInnen zu gewinnen, als den Neid zu bedienen und den Druck, den die Angst erzeugt, zu ventilieren. Es ist hinzufragen, ob das Ausleben von Neidgefühlen respektive deren Kanalisation durch die Degradierung der anderen, denen verschiedene vermeintliche Privilegien wie etwa die Mindestsicherung, ein menschliches Grundbedürfnis stillt, demnach immer und überall das Bedienen negativer Regungen zum Sammeln des politischen Kleingeldes funktioniert. Sie befasste sich mit sehr vielen, positiv zu konnotierenden Gefühlen von Menschen wie beispielsweise Empathie, Großzügigkeit oder Hilfsbereitschaft, wie auch unter eher ungünstigen Bedingungen die Beteiligung an Protestaktivitäten und Mobilisierung von BürgerInnen erfolgen kann. Die Politikwissenschaftlerin erläuterte die Bedeutung sozialer Bindungen, affektiver und reaktiver Emotionen und des persönlichen Umfelds, um die Menschen zum Handeln zu motivieren. Eine weitere Herausforderung besteht darin, emotional erfolgreich vermitteln zu müssen, dass unter der Begriffsbestimmung von Gerechtigkeit statt Verteilungsgerechtigkeit eher die Nivellierungsgerechtigkeit nach unten gemeint ist und unter einer gewissen Form von Eigenverantwortlichkeit eher Entsolidarisierung zu verstehen ist. Es gilt daran zu erinnern, dass trotz des Wunsches nach Abschottung eine global gerechtere Verteilung, die erst eine Voraussetzung für eine stabile Weltgesellschaft sein könnte, nur gemeinsam ermöglicht werden kann, globale Probleme nur global gelöst werden können. Man muss einer Tendenz entgegenwirken, dass der Antihumanismus zum neuen Pragmatismus wird.

Andreas Holzer merkte an, dass Argumente oft ungehört bleiben. Daher gewinnen oft jene, die Argumente mit Geschichten, Bildern und Emotionen verknüpfen können, da bei jeder Entscheidung Emotionen eine Rolle spielen. Nachdem die Emotionen aus dem politischen Diskurs nicht ausgeschlossen werden können, müssen sich die politisch Verantwortlichen mit der Sprache der Emotion auseinandersetzen. Er machte deutlich, dass eine Entscheidung ohne Emotion nicht möglich ist. Man braucht Emotionen, um schnell und optimal auf neue Situationen zu reagieren und einen schnellen Weg für Entscheidungen zu finden. Entscheidungsprozesse sind immer mit Emotionen, die vielleicht eine Antwort auf Komplexität sind, verknüpft, wobei diese meist unbewusst passieren.  Politische Kampagnen können nur wirken, wenn sie Emotionen auslösen. Der Senior Consultant von SORA beschrieb universelle Emotionen und die Wirkung von Emotionen in politischer Werbung, wie Hoffnung und Enthusiasmus, Angst und Ärger mobilisieren oder demobilisieren. Das Wahlverhalten ist in Abhängigkeit der Sicht auf die Zukunft zu erklären, wobei sich die Auswirkungen darstellen lassen, ob man der Zukunft mit Hoffnung oder Sorge entgegenblickt. Der Politologe regte an, dass Emotionen von der Politik ernstgenommen und ihre Ursachen untersucht werden. Darüber hinaus sind Strategien, um den Ursachen für negative Emotionen entgegenwirken, und Botschaften für Herz und Hirn zu entwickeln.

Florian Scheuba ging auf die Lüge in der Politik und zuerst auf die heutige Gültigkeit der folgenden Lehre von Hannah Arendt ein: „Der Lügner kann zwar mit beliebig vielen einzelnen Unwahrheiten Erfolg haben, aber er wird die Erfahrung machen, dass er damit nicht durchkommt, wenn er aus Prinzip lügt.“ Er verwies in seinen Ausführungen auf eine mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Plattform die belegt dass von mehr als 250 getätigten politischen Aussagen Donald Trumps dem selbst ernannten „sehr stabilen Genie im Weißen Haus“, nur 4 Prozent faktisch richtig waren, während der Anteil der lupenreinen Lügen bei 53 Prozent lag. Man könnte durchaus daraus ableiten, dass die Lüge effizienter ist, da diese es besser vermag, Erwartungen und Emotionen des Publikums vorwegzunehmen als jene um Wahrheitstreue bemühten Schilderungen von Sachverhalten. Anscheinend holt die Lüge das Publikum einfach dort ab, wo es steht, die Gefühle der Angst sowie der Wut als politische Triebkräfte dürften sich zur Quelle ihrer eigenen Rechtfertigung entwickelt haben. Der Autor verdeutlichte, dass der Unterschied zwischen Meinung und Lüge eine Rolle spielen muss. Er behandelte die vorsichtige Hoffnung, dass diese Nichtübereinstimmung noch nicht völlig irrelevant geworden ist und es Alternativen zu den „alternativen Fakten“ gibt, dieser Begriff als Idiotie wie „Minuswachstum“ erkannt wird. „Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche“, schrieb Umberto Eco. In diesem Sinne ist zu zeigen, dass in der Realität kein Mensch wie die Figur des Steinscheißer-Koarl, die im Werk des Kabarettisten vorkommt, existiert, der an sämtlichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen von heute alleine schuldig wäre. Darüber hinaus beantwortete der Schauspieler, wie Humor Aufmerksamkeit erzielt, positive Emotionen auslöst, den Zusammenhalt in Gruppen stärkt und auch zur Kommunikation komplexer Themen eingesetzt werden könnte. Bekanntlich erfordert der Witz das eigenständige Denken auch bei der Rezeption, Selbstdenken und Selbstironie gelten als weitere Rezepte gegen die Empfänglichkeit für Vereinfachungen.

Diese Diskussion wurde mit einem Zitat von C.G. Jung geschlossen: „Ohne Emotionen kann man Dunkelheit nicht in Licht und Apathie nicht in Bewegung verwandeln.“

 

Videomitschnitt: Politik der Emotion

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