Perspektiven für die Zukunft erkennen und gestalten

Bildung, Kultur und Medien
Europa und Internationales
Frauen und Gender
Thursday,
27
.9.
2018
 
Wien
BSA Döbling
BSA Ottakring
BSA Rudolfsheim-Fünfhaus
Bundesfachgruppe Medienberufe im BSA
Vereinigung Sozialdemokratischer Universitäts- und FachhochschullehrerInnen

Einen Blick über den Tellerrand saturierter Provinzialität hinaus wagten der ehemalige Vizekanzler und Finanzminister der Republik Österreich Hannes Androsch, die Publizistin Trautl Brandstaller, der Kabarettist Thomas Maurer sowie der frühere Vizepremierminister und Außenminister der Tschechischen Republik Karl Schwarzenberg.

Hannes Androsch ging in seinem Beitrag zunächst auf die Weltunordnung und damit auf eine Welt, die aus den Fugen geraten scheint, ein, beleuchtete die globalen Entwicklungen vor dem Hintergrund des hegemonialen Ausscheidungskampfes zwischen den USA und China, die Verschiebung geopolitischer Kraftzentren sowie verschiedene Ursachen der derzeit zu beobachten Umbrüche einer gewohnten, vom Westen dominierten Ordnung. Aus seiner Sicht wird die heute zu beobachtende Erosion dieser globalen Ordnung zu einem großen Teil von den USA selbst verursacht, dementsprechend befindet sich die Welt im 21. Jahrhundert in einer Zeitenwende, wobei die alte Weltordnung ihre Funktionsfähigkeit durchaus verloren hat, während sich eine neue noch nicht erahnen lässt. Entscheidend ist, dass diese Globalgeschichte der Staatenwelt ein wiederkehrendes Muster von Auf- und Abstieg weltpolitischer Ordnungssysteme aufweist. Ausschlaggebend für die Ausprägung der globalen europäischen Hegemonie sind neben Denkweisen und Wissenssystemen, die innovationsfördernd sind, sind vor allem die politischen und wirtschaftlichen Strukturen sowie Institutionen, wobei anzumerken ist, dass Europa bei dessen endgültiger globaler Durchsetzung und Ausgestaltung nicht mehr die führende Rolle spielte. Nach Ansicht des Citoyen wurde dieser American Way of Life weltweit imitiert, wodurch sich der globale Einfluss der USA nicht nur in ihrer militärischen Stärke, sondern auch in ihrer kulturellen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ausstrahlungskraft manifestierte.

Er führte aus, dass die Tage der globalen, unilateralen Hegemonie der USA gezählt sind, da diese nach den erfolgreich abgewehrten Herausforderungen, militärische durch die Sowjetunion sowie wirtschaftlich durch Japan, von China vorerst wirtschaftlich und zunehmend militärisch herausfordert werden. Wichtig erscheint, dass, globalhistorisch betrachtet, eine starke Korrelation zwischen wirtschaftlicher Stärke auf der einen Seite und internationaler politischer Macht auf der anderen Seite existiert. Ungewiss ist nicht nur die neue globale Weltordnung, sondern auch die Rolle, die Europa als Global Player dabei spielt. Einigkeit besteht aber darin, dass es ein gestärktes und einiges Europa braucht sowie angesichts der Vielzahl und Komplexität der Herausforderungen nur durch das gemeinsame Vorgehen seiner Mitglieder im Verbund europäischer Staaten erfolgreich sein kann. Der Industrielle stellte die Frage, wie sich der aktuelle Wandel der Weltordnung gestalten wird, als friedlicher Übergang oder als kriegerischer Ausscheidungskampf. Es scheint, dass die Welt vorerst multipolarer und unübersichtlicher wird. Dennoch äußerte er seine begründete Hoffnung, dass bei allen Menschen gleichermaßen die Einsicht überwiegt, dass die internationale Staatengemeinschaft angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung  und Ressourcenknappheit nur gemeinsam bestehen kann.

Karl Schwarzenberg vertiefte in seinem Beitrag die Zukunft Mitteleuropas, wobei von besonderem Interesse ist, dass sich in den mitteleuropäischen Staaten eine Abwendung von der liberalen Demokratie und eine Zuwendung zu autoritäreren Formen der Staatsführung abzeichnet. Er beobachtete sowohl die Entwicklung in Polen und Ungarn als auch die neue Situation in der Tschechischen Republik und in Österreich, wobei Tendenzen zu bemerken sind, sich von der klassischen parlamentarischen Demokratie abzuwenden. Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist seiner Meinung nach eine in ganz Europa feststellbare Krise der demokratischen Parteien, ob die Liberalen, die Sozial- oder die Christdemokraten, deren Ideenpotenzial ausgeschöpft scheint. Er hob hervor, dass die christdemokratischen Parteien ihre letzten geistigen Impulse in den 1950er-Jahren gesetzt hatten und auch die sozialdemokratischen Parteien ab dem Jahr 1968 und in den 1970er-Jahren ihre letzte große Erneuerung gestalteten. Darin liegt seiner Meinung nach die Ursache, warum sich die Menschen von den Parteien abwenden und nach Alternativen suchen, wobei diese bedauerlicherweise in chauvinistischen, nationalistischen Parteien gesehen wird.

Durch die Beteiligung von Parteien an jenen Regierungen, die mit extremistischen Parteien verwandt sind oder sich diesen angepasst haben, hat sich die Politik in den mitteleuropäischen Staaten in den letzten Jahren radikal verändert. Der seinerzeitige Präsident der Internationalen Helsinki-Föderation für Menschenrechte plädierte für ein neues Miteinander in Europa, warb um Verständnis zwischen den Staaten und Menschen in West-, Mittel- und Osteuropa. Er unterstrich, dass für die Zukunft eine gedeihliche Entwicklung in der Europäischen Union entscheidend ist. Dabei trat er dafür ein, dass wesentliche politische Fragen, die eine gemeinsame Entscheidung benötigen, kompetenzmäßig tatsächlich nach Brüssel verlagert und regionale Belange autonom geregelt werden sollen. Hilfreich wäre es, regionale Verbindungen zu nützen, diese nicht mit Misstrauen zu betrachten, sondern mit ihnen zu arbeiten. In den mitteleuropäischen Staaten muss noch viel Erziehungsarbeit hinsichtlich Demokratie und Rechtsstaat geleistet werden, dennoch gilt es Komplexe und Vorurteile abzubauen. Dieses europäische Projekt ist viel zu groß und viel zu wertvoll, dass man es an Kleinigkeiten scheitern lassen darf.

Trautl Brandstaller sprach sich in ihrem Beitrag für einen Austausch der Werte aus und ging auf die Zukunft der Geschlechterordnung ein. Es ist kaum zu glauben, dass rund fünfzig Jahre nach dem Beginn der Frauenbewegung angesichts der #MeToo-Kampagne die Geschlechterverhältnisse noch einmal zu einem weltweiten Empörungsthema werden. Im Gegensatz zum allgemein proklamierten Fortschritt in den Geschlechterverhältnissen offenbarte sich laut ihrer Einschätzung, wie tief das Patriachat in der Gesellschaft noch verwurzelt ist. Sie hinterfragte einige Entwicklungen, wie sich die Sexualthematik in Schweden, in einem als liberal geltenden Musterland, entwickelte und ging der Fragestellung nach, wie es zur neuen Polarisierung im Kampf um die gleichen Rechte für Frauen und Männer gekommen ist. Ein Versäumnis stellt die notwendige Veränderung des Männerbildes trotz ein paar positiver Ansätze dar, während ein modernes Frauenbild mit notwendigen gesetzlichen und gesellschaftlichen Reformen entwickelt wurde und ein breiter gesellschaftlicher Konsens erzielt werden konnte. Die Juristin analysierte in weiterer Folge den politischen Wandel in Europa und den sich nach rechts drehenden Wind, welcher einen massiven Backlash produzierte und dabei zentrale Bereiche wie Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft erfasste.

Sie nahm Bezug auf die Rückkehr der Religion in der Politik, wobei nach ihrer Meinung die ethnische Veränderung der Bevölkerung und die Zuwanderung aus Gesellschaften, die ein rückständiges Frauen- und Männerbild haben, das Thema Emanzipation nicht unbedingt um progressive Facetten bereicherte. Der neue Turbokapitalismus und die zunehmenden autoritären Tendenzen innerhalb der europäischen Gesellschaft brachten auch eine Rückkehr der alten Rollenklischees. Die Journalistin kritisierte heftig die Auswanderung auf einen „Frauenplaneten“ und endlose, zuweilen sektiererisch wirkende Diskussionen über kulturelle und biologische Rollen, sprachliche Präsenz und das Binnen-I, hingegen sollte die Frauenbewegung gegen die beschriebenen Tendenzen protestieren und sich um die neuen politischen und wirtschaftlichen Realitäten kümmern. Sie zeigte sich davon überzeugt, dass es ohne die Vision einer sozial gerechten globalen Gesellschaft keine wirkliche Emanzipation von Männern und Frauen und keine neue Geschlechterordnung geben kann. Daher braucht es ein politisches Engagement von Frauen und Männern für diese Gesellschaft anhand einiger Themen, etwa Bildung, die neue Verteilung der Arbeit, die Gesundheits- und Daseinsvorsorge, die faire Gestaltung der Globalisierung, die Wiederentdeckung der Solidarität sowie die Weiterentwicklung der Demokratie.

Thomas Maurer, dessen aktuelles Soloprogramm mit dem Titel Zukunft auch eine Reaktion auf die Politik der letzten Jahre ist, hat den fundierten Eindruck gewonnen, dass die Gesellschaft an vielen Stellen gleichzeitig vor technologischen, wissenschaftlichen Umwälzungen steht, es darüber nicht einmal ein lautes Nachdenken gibt, während in der Politik nur darüber geredet, wer wo welche Flüchtlingsroute zusperrt, was von einer schreienden Idiotie sei. Im Spannungsfeld zwischen Utopie und Dystopie, in dem sich ein Kabarettist bewegt, ging er unter anderem auf die Einführung des Smartphones ein, die bei jenen zu einer entscheidende Veränderung in der Psyche und Selbstwahrnehmung führte, die es exzessiv nützen.  Er verdeutlichte dies am Beispiel des Kommunikationsverhaltens halbwüchsiger Kinder, die Telefone nicht mehr zum Telefonieren benutzen, sondern Sprachnachrichten aufnehmen und diese einander schicken. Es gibt andere Arten, um miteinander zu interagieren. Der Autor veranschaulichte die Versuche einzelner Milliardäre aus dem Silicon Valley, die Ziele der Lebensverlängerung sowie der Umkehrung des Alterungsprozesses mit einem hohen Einsatz von Kapital und Know-how zu realisieren. Er erwähnte US-Investor Peter Thiel, der erklärt habe, dass er nicht sterben werde und den Tod zumindest für Reiche abschaffen werde, sowie PayPal- und Tesla-Gründer Elon Musk, dem auch das private Raumfahrtunternehmen SpaceX gehört, der in Richtung Hirn-Computer-Interfaces und Überleben auf Siliciums-Basis investieren soll. Die Romanvorstellung einer postkapitalistisch-hochindividuell-anarchistischen Hightech-Gesellschaft scheint eine Inspiration darzustellen, das Potenzial zu nutzen und sich dorthin zu bewegen. Ein wesentlicher Bereich ist für den Schauspieler auch der gegenwärtige Zustand der Ökosphäre, dementsprechend muss etwas gegen den Klimawandel getan werden. Es ist zu hoffen, dass zum Beispiel klimafreundlichere Autos in höherer Zahl hier einen Beitrag leisten werden und die Entwicklung von Akkus dazu führen soll, dass die ökologische Bilanz nicht mehr nur ausgeglichen, sondern deutlich zugunsten elektrisch betriebener Fahrzeuge ausfallen wird.

Kritisch bemerkt wurde, dass Allgemeinwissen auf den Knopfdruck ausgelagert wird. Der Zugang zu Information ist einfach wie nie zuvor, wird jedoch von einem global um sich greifenden Irrationalismus begleitet. Dabei realisieren sich die Nutzer in einer Form, wie es die ausgebeuteten Ziegelarbeiter am Wienerberg der vorvorigen Jahrhundertwende nicht formuliert hätten. Durch diese Suche im Internet wird eine globale Informationskonzentration und –kapitalisierung begünstigt, die in Richtung Monopolwesen hinausläuft. Dadurch ist die Idee der Demokratie mitgefährdet, in den USA sieht man seiner Ansicht nach am besten, wie sich Konzerne und Interessengruppen politische Parteien und Kandidaten aufbereiten, auch der US-Präsident sei demnach ein Produkt einer Blasenarchitektur in den sozialen Medien. Tatsache sei jedenfalls, dass sich etwas verändert hat, ob das der gesellschaftlichen Entsolidarisierung wie etwa in den USA in die Hände spielt oder ob man etwas dagegen tun kann. Der Autor zeigte sich zerrissen zwischen eine grundsätzlichen Begrüßen von Fortschritt und einer realistischen Einschätzung, wo das schiefgehen könnte. „Prognosen sind eine schwierige Sache, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“, schrieb Mark Twain.

Die Gäste dachten ohne Anspruch auf Vollständigkeit über Themen laut nach, die im Sammelband „Zukunft“, welcher anlässlich des 80. Geburtstages von Hannes Androsch, zu dem ihm Andreas Mailath-Pokorny im Namen des BSA gratulierte, herausgegeben wurde, und die Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen werden. „Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war“, wusste schon Karl Valentin, Victor Hugo meinte: „ Ein Traum ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will.“

 

Videomitschnitt: Zukunft - Perspektiven in einer "neuen Welt"

 

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